20. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für BLLV: „Du musst draußen bleiben!“ · Kategorien: Sozial- und Bildungspolitik · Tags: , , ,

bllv_logoBayerns Schulsystem ist ungerecht und ausgrenzend – das befördert politische Radikalismen  – BLLV-Präsident Wenzel fordert Maßnahmen für mehr Integration

Mitteilung: BLLV e.V.

München – Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, hat kurz vor Beginn der Weihnachtsferien vor den Folgen der wachsenden sozialen Ungleichheit in Bayern gewarnt. Es werde inzwischen als unvermeidlich akzeptiert, dass Bildungspartizipation von der Höhe des Familieneinkommens abhängig ist. Versuche, Schul- und Bildungspolitik gerechter zu gestalten, würden im Keim erstickt. Gleichzeitig gehe die Schere zwischen armen und reichen Familien immer weiter auseinander, warf er der Bayerischen Staatsregierung vor. 

Eine verstärkende Rolle spiele hier das gegliederte Schulsystem, „denn es reproduziert soziale Ungleichheit und verstärkt soziale Spaltungsprozesse.“ Schule würde mehr und mehr als Sortiereinrichtung erlebt, in der Lebenschancen von Heranwachsenden definiert würden. „Wenn Schule Bildungsverlierer produziert, ist dies nicht nur in hohem Maße kinderfeindlich und unpädagogisch, es ist auch kurzsichtig und gefährlich“, erklärte Wenzel und verwies auf die Zunahme rechtsradikaler Gruppierungen in Bayern. Er forderte die Staatsregierung auf, vor diesen Zusammenhängen nicht länger die Augen zu verschließen und sich dem Thema zu stellen: „Schulen brauchen Reformen, die Integration statt Ausgrenzung befördern und modernes Lernen ermöglichen.“ Das sei zumindest ein Weg, der dazu beitragen könne, politischen Radikalismen entgegenzuwirken.

„Ausgrenzung und das Gefühl nicht teilhaben zu können erhöhen die Gefahr, dass sich Menschen von der Demokratie abwenden und die Gesellschaft zunehmend zerfällt“, sagte Wenzel. Mehrere in diesem Jahr veröffentlichte wissenschaftliche Studien würden dies belegen. So weist das Heidelberger SINUS-Institut für Markt- und Sozialforschung nach, dass soziale Ungleichheit zu sozialer Spaltung unter Jugendlichen führen kann („Wie ticken Jugendliche?“, 2012). Und das Projekt der Otto Brenner Stiftung, „Soziale Ungleichheit und politische Partizipation in Deutschland" vom Februar 2012, belegt, dass Bildung in Verbindung mit dem sozioökonomischen Status der entscheidende Faktor für politische Wirksamkeitsüberzeugung und Partizipation ist. Je prekärer die Lebenslage, desto weniger Beteiligung. Eine Studie der Universität Bielefeld kommt zu dem Schluss, dass in zunehmendem Maße Angehörige der oberen Schichten eine geringe Bereitschaft zur Unterstützung schwacher Gruppen zeigen und ihre Privilegien mit der Stigmatisierung dieser Gruppen verteidigen. (Deutsche Zustände, Band 10, 2010).

„Obwohl der Zusammenhang wissenschaftlich belegt ist, hält Bayern an einem ungerechten Bildungssystem fest, in dem, entgegen aller Behauptungen, Kinder nicht individuell und ihren Bedürfnissen entsprechend gefördert werden. Lehrerinnen und Lehrer sind trotz aller Bemühungen gar nicht in der Lage dazu“, betonte Wenzel, „denn es mangelt massiv an Personal.“ Eltern müssten sich die individuelle Förderung ihrer Kinder vielmehr teuer erkaufen, Nachhilfeinstitute boomten. Der jährliche Umsatz liege deutschlandweit in Milliardenhöhe. „Es ist absurd, was auf den Familien lastet“, sagte Wenzel. Privat subventionierter Förderunterricht verschärfe die Ungerechtigkeit, denn Kinder aus Familien, die sich Nachhilfe nicht leisten könnten, hätten deutliche Nachteile.“ Hinzu kämen strukturelle Zwänge, die pädagogische Bemühungen oftmals im Keim erstickten, wie zum Beispiel die Verteilung Zehnjähriger auf verschiedene Schultypen.

„Jeder, der Schulkinder hat, weiß das. Er weiß auch, dass nicht das Kind, seine Bedürfnisse und individuellen Lernfortschritte im Mittelpunkt stehen, sondern Leistungserhebungen, die ungerechte Sortierprozesse zur Folge haben.“ Vielfach würden Heranwachsende Ausgrenzung erleben und die Erfahrung machen, nicht dazu zu gehören – „ein idealer Nährboden für extreme politische Ansichten“, so der BLLV-Präsident.

Quelle:
Pressemitteilung v. 20.12.2012
Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband
www.bllv.de

Die Presseabteilung des Ministeriums fährt schwere Geschütze gegen Klaus Wenzel in der Pressemitteilung Nr. 326 vom 20.12.2012 auf:

Entgleisung eines Verbandsfunktionärs – Bayerns Kultusministerium weist die Unterstellung von Klaus Wenzel, Bayerns Schulsystem befördere Rechtsradikalismus, als einzigartige Entgleisung scharf zurück …Die ganze Antwort des Kultusministeriums lesen

Da wurde offenbar ein wunder Punkt von Bayerns Kultusministerium getroffen. Warum trifft gerade diese (unserer M. nach berechtigte) Kritik so sehr? Darüber kann nun jeder selber vortrefflich spekulieren.

Hans Grillenberger, stellvertretender Vorsitzender der GEW Ansbach und Redaktionsmitglied des Online-Magazins Auswege-Perspektiven für den Erziehungsalltag hat Klaus Wenzel in einem offenen Brief seine Solidarität bekundet: ►Lesen

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