14. März 2016 · Kommentare deaktiviert für Rede zum Weltfrauentag in Ansbach am 8.3.2016 · Kategorien: Termine & Aktionen, Was sonst noch wichtig ist ... · Tags:

International-Womans-Day-by-worker_openclipartWir veröffentlichen die Rede zum Weltfrauentag in Ansbach am 8.3.2016 (Veranstalter: „Ansbach umgedacht“):

Liebe Schwestern,

105 Jahre internationaler Frauentag.

Dieser steht in der Tradition des Kampfes für Frauenrechte, Gleichberechtigung und Geschlechterdemokratie.
Wir versammeln uns hier, stellvertretend für die Frauen in Ansbach, aber auch für all unsere Schwestern in und aus den Kriegs- und Krisengebieten. Wir stehen für sie, da sie selbst damit beschäftigt sind zu überleben, weil sie sich auf der Flucht befinden und keine Chance haben, als nur mehr um die nächsten Tage, Stunden und Minuten ihres und des Lebens ihrer Kinder zu kämpfen.

Dieser Tag ist auch ein Anlass, auf Vergangenes zurück zu blicken:

Am 19. März 1911 fand der erste internationale Frauentag in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Allein in Deutschland, lasst es Euch auf der Zunge zergehen, nahmen über eine Million Frauen und Männer an Veranstaltungen und Demonstrationen teil.
Kennen Sie noch den Gehorsamsparagrafen oder die Zölibatsklausel?
Gerhorsam per Gesetz gegenüber dem Ehemann – die Zölibatsklausel besagte, dass Beamtinnen nicht heiraten durften. Damit wurden heimkehrenden Kriegsgefangenen Arbeitsplätze verschafft, nachdem Frauen jahrelang diese Lücken gefüllt haben.
Erst am 1.1.1958 wurden diese Regelungen abgeschafft, deshalb kennen Sie keinen Gehorsamsparagrafen mehr und auch keine Zölibatsklausel. Wir könnten dies mit dem schrecklichen Wortungetüm, das so viel Leid schafft, nämlich „Krieg“, auch erreichen.

An dieser Stelle möchten wir unsere Solidarität und Hochachtung unseren Schwestern in den kurdischen Gebieten aussprechen!  Für Ihren mutigen Kampf zum Schutz der vom Tod bedrohten Kinder und für die Umsetzung des weiblichen Prinzips in ihrer Heimat.

Vergesst es nicht!- Wir sind die Hälfte der Menschheit und somit eine politische Macht! Wir nutzen sie aber im Moment nicht wirklich! Zwischen 1900 und 1914 war die Frauenbewegung eine Massenbewegung – damit erkämpften sie nicht nur das Frauenwahlrecht, sie initiierten ganze Systemänderungen! Und jetzt, hier und heute? Ist denn Gleichberechtigung schon in der Realität angekommen?

Frauen verdienen immer noch ca. 22% weniger als Männer in vergleichbaren Berufen. Frauen sind besonders betroffen von Armut, Altersarmut, Niedriglöhnen und prekären Arbeitsverhältnissen. Laut Arbeitsagentur für Arbeit waren im Oktober 2015, 60 Prozent der erwerbsfähigen SGB-II-Empfänger („Hartz 4“) in Ansbach weiblich . Besonders betroffen sind dabei Alleinerziehende; aktuell 366 Frauen mit 570 Kindern.

Achtung und Respekt unseren älteren Mitmenschen gegenüber gingen verloren. Gerade in Bayern leiden mehr Frauen unter Altersarmut als in den restlichen Bundesländern, ausgenommen Baden-Württemberg – Tendenz: steigend!
Männer im Freistaat beziehen eine durchschnittliche Rente von ca. 1003 Euro pro Monat, bei Frauen sind es nur 569 Euro. Besonders von Altersarmut bedroht sind allein erziehende Frauen. Hier komme der Faktor zum Tragen, dass sie oft keine zusätzlichen Hinterbliebenenrenten beziehen. 42 Prozent von ihnen müssen laut Sozialbericht Bayern im Alter ein Leben in Armut fürchten. Ist das Gleichberechtigung?

Frauen waren und sind Opfer von Gewalt.

Gewalt gegenüber Frauen findet zu 80% in deren eigenem Umfeld, in deren Partnerschaften statt. Die Statistik 2014 verzeichnete alle 90 Minuten eine Vergewaltigung in unserem Land!
Jede Dritte Frau hatte irgendeine Form der sexuellen Belästigung bei Vorgesetzten, Kollegen oder Kunden erlebt.
2014 war unser Frauenhaus in Ansbach zu 95% ausgelastet. 81 Frauen suchten dort Schutz und zwar aus allen sozialen Schichten. Das ist ein Armutszeugnis.

Gerade auf der Südhalbkugel unseres Planeten ertragen Frauen bitteres Leid, und jede Bewegung, die sich dieser Gewalt entgegenstellt, wird von religiösen Fundamentalisten niedergemetzelt.
Rojava ist dafür im Moment ein Beispiel, dass das weibliche Prinzip soziale, fürsorgende und basisdemokratische Gesellschaftsstrukturen schaffen kann, und es ist ein Beispiel dafür, dass patriarchalische Strukturen dagegen grausam und skrupellos ankämpfen. Siehe IS, Saudi Arabien und die Türkei.

Frauen sind vorwiegend in sozialen Berufen tätig – ob Krankenpflegerin oder Altenpflegerin, ob Arzthelferin, Sozialarbeiterin, Erzieherin oder Lehrerin und nicht zu vergessen die, die ehrenamtliche Tätigkeiten in der Nachbarschafts- und Flüchtlingshilfe ausführen.

Fürsorge und Schutz sind eindeutig weibliche Attribute. Dass wir über unsere Stadtgrenzen hinaus für unsere gelebte Willkommenskultur geschätzt werden, liegt vorwiegend an den Frauen unserer Stadt. Dass wir in Ansbach keinen rechtsradikalen Mob ertragen und fürchten müssen, ist auch dem Umstand zu verdanken, dass es hier in unserer Stadt so viele Frauen gibt, die sich für Flüchtlinge engagieren und damit ein klares Zeichen nach außen setzten – nämlich: Hier ist kein Platz für Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, hier lesen wir nicht nur, hier leben wir unser Grundgesetz!

Im Moment wird diese Welt von Kriegen, Ausbeutung, Umweltverschmutzung und Ressourcenraub gebeutelt. Nicht umsonst nennen wir sie „Mutter Erde“! Heute gilt es dringlicher denn je diese „Mutter“ zu schützen und zu bewahren. Viele Gründe die zunächst empören und auch eindeutig zum Handeln aufrufen!

Alice Schwarzer plädierte für die Abschaffung des internationalen Frauentags: Sie meinte „ Schaffen wir ihn endlich ab, diesen gönnerhaften 8.März! Und machen wir aus dem einen Frauentag am Jahr, 365 Tage für Menschen- Frauen wie Männer!“ Nun stimmt, wir sind alle Menschen. Schaffen wir beispielsweise auch Weihnachten ab und machen wir jeden Tag des Jahres zu einem Fest der Liebe!

Nein, liebe Schwestern, wir schaffen ihn eben nicht ab, den internationalen Frauentag, sondern begehen wir ihn jedes Jahr im Bewusstsein der immer noch herrschenden Ungleichheit, legen den Finger lautstark in die Wunde des Unrechts und schauen dennoch voll Stolz auf das Erreichte!

©Grafik: International Womans Day by worker, openclipart.org, public domain

 

 

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