Schulstart in die falsche Richtung: GEW BERLIN warnt vor Rückschritten und wachsender Ungleichheit

Mitteilung: GEW Berlin

Die GEW BERLIN blickt mit großer Sorge auf den Start ins neue Schuljahr. „Bildungspolitisch erleben wir Rückschritte statt Fortschritte. Gymnasien und freie Schulen werden gestärkt, während integrierte bzw. inklusive Schulformen unter Druck geraten. Offensichtlich will sich der Bildungssenat auch von der ganzheitlichen Bildung verabschieden. Die Folge: mehr Selektion, weniger Bildungsgerechtigkeit“, kritisiert Gökhan Akgün, Vorsitzender der GEW BERLIN.

Der anhaltende Lehrkräftemangel bleibt ein zentrales Problem. Nur noch rund 16 Prozent der neu eingestellten Lehrkräfte haben eine volle Lehramtsausbildung. Laut GEW BERLIN ist der tatsächliche Personalbedarf deutlich höher, als von der Bildungsverwaltung angegeben. „Die Personalausstattung wurde künstlich gesenkt – etwa durch die Vorgabe, dass drei Prozent der Stellen mit Nicht-Lehrkräften besetzt werden sollen. Das führte dazu, dass qualifizierte Lehrkräfte zum Teil Absagen erhielten. Gleichzeitig bleiben andere Schulen stark unterversorgt. Der gewünschte Steuerungseffekt ist nicht wirklich eingetreten und hat zudem zu großer Verunsicherung an den Schulen geführt“, so Akgün. Auch der Wegfall der Profilstunden II und die erhöhte Unterrichtsverpflichtung für Lehramtsanwärter*innen (von 7 auf 10 Stunden) im vergangenen Jahr haben den Bedarf künstlich gesenkt und damit die ohnehin zu hohe Belastung der Lehrkräfte massiv verstärkt.

Durch Veränderungen beim Zugang zum Gymnasium und bei der Personalzumessung verschlechtern sich die Bedingungen an inklusiven Schulformen deutlich. „Die integrierten Sekundarschulen sind massiv überlastet. An 80 Standorten wird in den siebten Klassen die zulässige Höchstfrequenz überschritten. Hier angemessene Lernbedingungen zu schaffen, wird sehr schwierig. Das ist ein Skandal“, so Akgün. Die Senatsverwaltung habe diese Entwicklung weder verhindert noch entsprechende Vorkehrungen getroffen. Alle Grundschulen erhalten nun dieselbe pauschale Ausstattung mit Lehrkräftestunden für die sonderpädagogische Förderung. „Inklusive Grundschulen müssen zusätzliche Ressourcen extra beantragen und haben einen viel höheren Aufwand als bisher“, erklärt Akgün.

An vielen Stellen lässt sich eine Abkehr vom ganzheitlichen Bildungsansatz erkennen. Bei der neuen Förderprognose für den Übergang zur Sekundarstufe zählen ab diesem Schuljahr nur noch die Leistungen in Deutsch, Mathematik und Englisch. Die GEW BERLIN kritisiert die zunehmende Verengung des Bildungsbegriffs. „Das ist ein deutlicher Rückschritt für eine inklusive, breit gefächerte Bildung“, erklärt Akgün.

Die Ausrichtung wird auch deutlich bei den massiven Kürzungen von Bildungsprojekten, die explizit die Förderung von Vielfalt und Antidiskriminierung unterstützen. So sollen Queerformat, ipäd, Queerleben trotz des sehr hohen Bedarfs der Schulen ab 2026 gar keine Mittel mehr erhalten. In der kulturellen Bildung werden die Zuwendungen mehr als halbiert (1,8 Mio. statt 5 Mio. Euro). „Es wird mit Sachzwängen argumentiert. Es sind jedoch ganz klar politische Entscheidungen. Während bei queeren und kulturellen Bildungsprojekten sowie bei der Antisemitismus-Prävention gekürzt wird, erhalten andere – teils neue – Projekte mit politischer Nähe zur CDU zusätzliche Mittel. Die Kürzungen in der außerschulischen Bildung gefährden langjährig aufgebaute Strukturen nachhaltig“, kritisiert Akgün. 

Die GEW BERLIN fordert einen bildungspolitischen Kurswechsel. „Es muss zuvorderst darum gehen, gute Lern- und Arbeitsbedingungen für alle Schüler*innen und Beschäftigten zu schaffen sowie Bildungsgerechtigkeit und Inklusion umzusetzen,“ so Akgün.  Zugleich kritisiert die Bildungsgewerkschaft die mangelnde Einbindung der schulischen Akteur*innen in politische Entscheidungen. „Maßnahmen werden häufig über die Köpfe der Betroffenen hinweg beschlossen. Dabei wäre es gerade jetzt dringend notwendig, Reformen gemeinsam zu gestalten“, sagt Akgün.


5.9.2025
GEW Berlin
www.gew-berlin.de