Bangaranga: Alles ist möglich!?
Es gibt noch Zeichen und Wunder oder auch nicht.
Der Kommentar zum Zeitgeschehen
von Jürgen Scherer*
Auf jeden Fall ist das bildungsbürgerliche Abgetue des ESC (European Song Contest) wenig hilfreich. Denn gerade der Blick auf und in die Kulissen dieses weltweit(!) größten Songwettbewerbs kann gesellschaftliche (Un)Tiefen offenbaren.
Wagen wir ihn also – diesen Blick!
Da treffen sich „Gesangstalente“ aus ganz Europa (naja, nicht ganz Europa; schließlich wird Russland nicht mehr als Europa zugehörig akzeptiert, obwohl die Geografie, zumindest bis zum Ural, etwas anderes lehrt. Aber verstoßen ist nun mal verstoßen, weil eben jemand, der völkerrechstswidrig unterwegs ist, wohl an den Pranger gehört! Dass so ein Pranger durchaus gewollt und gezielt angewendet werden kann, zeigt dieser Tage die bevorstehende Fußball WM; werden doch die USA und Herr Trump nicht geprangert, obwohl da irgendwas völkerrechtswidiges im Hinblick auf den Krieg gegen den Iran gelaufen sein soll…) und bewerben sich mit ihren jeweiligen Songs um den ersten Platz im europäischen Vielfaltsgemisch; diesmal in der Hauptstadt des neutralen Landes Österreich.
Wie immer gab es Prognosen, Wetten, Glaskugelblicke, wer dieses Mal wohl das Rennen machen werde und natürlich auch Beeinflussungsversuche interessierter Kreise, ein bestimmtes Land auf Platz 1 zu hieven. Diesmal sollte es Israel sein. Aber die Medienflüsterei hat nicht so ganz geklappt. Trotz aller Anstrengungen Anderswollender landete Israel mit ziemlichem Abstand zur Gewinnerin aus Bulgarien auf Platz 2.
Die Abstimmenden hatten anders entschieden als prognostiziert und (politisch) eigentlich gewollt. Man könnte auch sagen, der eigentliche Souverän, nämlich das Publikum, hat letztlich Reife und Unabhängigkeit vom sich als tonangebend verstehenden Establishment bewiesen. Was sagt uns das nun in Bezug auf Europa und seinen traditionellen Songwettbewerb?
Ich greife zwei Punkte aus den vielen Interpretationsmöglichkeiten heraus: Erstens finde ich es durchaus interessant, dass die Vertreterin eines kleinen auf dem Balkan liegenden Landes die Nase vorne hatte. Manchmal zeigt sich eben doch, dass David der Sieger sein kann, wenn seine Botschaft die Herzen der vielen Davids erreicht und sie sich so erfolgreich zusammen tun.
Zweitens, und dies halte ich für noch spannender, scheint die Sängerin mit ihrer Performance einen (nicht nur) im Jugendbereich Europas vorhandenen Zeitgeist getroffen zu haben, den es lohnt, sich genauer anzusehen. Sie bringt nämlich mit ihrem Song, wie man sagen könnte, eine Botschaft rüber, die man durchaus auch als politisch werten kann. Diese Botschaft lautet: Lass dich nicht klein machen, geh deinen Weg, geh ihn ohne Hass, geh ihn rebellisch; du musst dich nicht an Regeln halten, sei du und lebe jetzt, in diesem Moment; verteidige deine persönliche Freiheit.
Songbotschaftsmäßig geht es mithin um grenzenlose Selbstverwirklichung, was ohne Regelverstöße kaum möglich ist. Pure Energie ist gefragt: Power!
Mag es überinterpretiert sein, wenn eine der „heimlichen“ Botschaften von Bangaranga lautet: Pass dich nicht an; lass dich nicht manipulieren?
Stimmt man dieser Interpretation zu, würde Bangaranga eine europaweite Stimmung spiegeln, die da lautet: Lasst uns unser Leben selbstbewusst und selbstbestimmt gestalten. Wir brauchen eure lebenszerstörerischen Politiken nicht. Wir wollen leben: in Frieden und Freiheit! Immerhin wurde dieser Song westeuropaweit und mit großem Abstand zum Zweitplatzierten aufs Siegerinnenpodest gehoben. Von der Jury und vom Publikum. Und das tatsächlich entgegen aller Versuche, andere Angebote nach oben zu pushen. Wenn das kein politisch relevantes und zugleich unverfälschtes Statement ist, was dann?
Vielleicht ist ja Europas Jugend intuitiv in vieler Hinsicht politisch reifer und vernünftiger als die kriegerisch verblendete politische und wirtschaftliche Elite in Deutschland und Westeuropa inkl. seiner Nordeuropa- und BaltikumsbellizistInnen. Das wäre ein gutes Zeichen für eine gedeihliche Zukunft auf unserem Kontinent und unbedingt unterstützenswert!
* Jürgen Scherer ist ehemaliger Lehrer für Geschichte und Politik an einer hessischen Gesamtschule und GEW-Mitglied. Er schrieb früher für das Magazin Auswege, jetzt für das GEW-MAGAZIN.