Sage mir, was Du liest und ich sage Dir, wer Du bist!

Der Kommentar zum Zeitgeschehen

   von Jürgen Scherer*

Es könnte auch heißen: Geh in den nächstbesten Buchladen und schau Dir die Angebote an! Und siehe, Du wirst einen Eindruck davon bekommen, wes Geistes Kind unsere Gesellschaft derzeit zu sein scheint. Überspitzt gesagt, könnte man feststellen: Diese Gesellschaft trieft vor Eskapismus und Harmoniesucht. Und dieses Verhalten kommt den Bestrebungen der derzeitigen politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen durchaus entgegen: Wer permanent im siebten Himmel der Belanglosigkeiten schwebt, kommt auch nicht auf dumme Gedanken.

Gehen wir vom Konkreten aus.
Ich war dieser Tage mal wieder in einer Kleinstadt an der hessischen Bergstraße in einem, wie ich von regelmäßigen Besuchen weiß, übersichtlichen und auch immer gut sortierten Buchladen. Dort wollte ich mich, wie stets, an der „einschlägigen Bücherwand“ über die nicht nur neuesten, sondern auch „relevanten“ Angebote auf dem historischen und politisch-wirtschaftlichen Veröffentlichungssektor informieren.

Aber weit gefehlt: Die „Bücherwand“ gibt es zwar immer noch, aber sie ist nicht mehr mit historischen und politisch sowie wirtschaftlich interessanten Büchern bestückt, sondern mit „Tralala-Literatur“ für Jugendliche und Erwachsene. Ein Kleinod war verschwunden worden.

Nun ist es allerdings nicht so, dass die Buchhandlung gar keine entsprechenden Bücher mehr anbietet. Aber das bisher eher großzügige und zum Schmökern einladende historisch-politisch-wirtschaftliche Angebot, sogar mit Sitzecke, war „eingedampft“ auf einen Büchertisch, ohne Sitzgelegenheit.
In Zukunft also „Fastfood Angebote“ für entsprechend Interessierte: Kommen, stehend auswählen und reinlesen, kaufen oder nicht und dann raus aus dem Laden. Das war’s dann wohl.
Was mag dahinter stecken, hinter diesem gezielten „Abspeckungsgebaren“ und im Gegenzug geradezu „Aufrüsten“ (!) im Romantizismus und Eskapismusbereich?

Der dem Zeitgeist sich verpflichtend sehende Buchhändler wird wohl antworten: Nachfrage auf der einen und zurückgehendes Interesse auf der anderen Seite. Wir fühlen uns dem Publikumsgeschmack verpflichtet. Das mag ja sein. Und außerdem sind ja auch Buchläden im Rahmen unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems tätig: Gewinnorientierung und wirtschaftliche Tragfähigkeit.

Da zeigt sich das vielbeschworene Mantra, Buchläden seien auch für die Bereitstellung pluraler Informationen da, als genau das: ein Mantra. Ein Buchladen mit noch ein wenig Anspruch trägt sich eben nur dann im oben beschriebenen Sinn, wenn der Mainstreambeifang“ genügend einbringt. Und der lautet derzeit „Dark Romance“ für die Jugend und „Lore im Taschenbuchformat“ für die Erwachsenen.

Soweit ich es nach Gesprächen mit anderen beurteilen kann, lassen sich diese Beobachtungen allerorten machen. Und sie sagen etwas aus über die Stimmungslage in unserer Gesellschaft: Viele Menschen sehnen sich angesichts des oft zermürbenden supermedialen Alltags und der täglichen Angstmacherei per Kriegsgeschrei nach möglichst viel Ruhe, Harmonie und Rückzugsmöglichkeiten.        

Biedermeier lässt grüßen. Da den meisten so die Kraft für widerständig-demokratisches Handeln fehlt, suhlen sie sich überall und eben auch im Lesebereich Buch lieber in leicht verdaulichen Angeboten denn in aufklärender und fordernder Lektüre.
Das ganze Dilemma zeigt sich dann in den vor allem kleineren Buchhandlungen, die, oft um des Überlebens willen, auf den Eskapismuszug aufspringen und so, nolens volens, die von unseren KriegsertüchtigerInnen gewünschte Schicksalsergebenheit befördern, in deren schwarzes Loch dann besagte BellizistInnen mit vermeintlicher Sinngebung vordringen können.

Wir können unserer Gesellschaft wieder ein wenig mehr zurück auf die demokratisch-mündigen Sprünge verhelfen, wenn wir  „Buchläden unseres Vertrauens“ durch entsprechende Nachfrage signalisieren, dass gute politisch-historisch-wirtschaftliche Aufklärungsliteratur nach wie vor gefragt ist, wenn möglich mit Sitzecke.

Tun wir’s!

Bild von Peggy und Marco Lachmann-Anke auf Pixabay


* Jürgen Scherer ist ehemaliger Lehrer für Geschichte und Politik an einer hessischen Gesamtschule und GEW-Mitglied. Er schrieb früher für das Magazin Auswege, jetzt für das GEW-MAGAZIN.