Von der „Macht des Faktischen“ bzw. des dazu GeMACHTen
Der Kommentar zum Zeitgeschehen
von Jürgen Scherer*
Im ersten Band seiner Lebensbeschreibung des französischen Königs Henri IV. schreibt Heinrich Mann: „Das ist das Ergebnis der vierzehnjährigen Hetze und einer falschen Volksbewegung. Zuletzt kommt alles ans Ziel, es muss nur fest genug in die Köpfe gerammt sein: dann fügt sich die Wirklichkeit, sie verwandelt sich in leibhaftigen Unsinn, und die lange genug gepredigte Lüge vergießt wirkliches Blut.“
Wüsste man nicht, dass Mann mit diesen Worten das während schwerer Leidenszeit am eigenen Leib Erlebte beschreibt, das dem französischen König Henri IV., der Mitte des 16. Jahrhunderts als einziger protestantischer König, den Frankreich je hatte, vor seiner Thronbesteigung widerfuhr, man könnte meinen, diese Worte charakterisierten unsere Gegenwart mehr als trefflich.
Denn ist es nicht so, dass wir tagtäglich mit den in Manns Ausspruch zutage tretenden „Mächten über das Faktische“ konfrontiert werden, und zwar in Form eines unablässigen KriegsertüchtigungsPropagandaGetrommels, das uns glauben machen soll, in nicht allzu ferner Zukunft werde uns der „BÖSE RUSSE“ in den Orkus befördern?
Ist es nicht so, dass uns aus allen leitenden Medien die Botschaft entgegenschallt: Baut vor! Baut Bunker! Legt Lebensmittelvorräte an! Besucht „Eure Armee“ bei Festlichkeiten oder lasst ihre Abgesandten in die Schulen kommen! Engagiert euch im „Heimatschutz“ und lernt mit dem G3-Gewehr schießen! (Dabei kann so ganz nebenbei schon mal ein bisschen töten gelernt werden! …) Seid vorbereitet, morgen kommt der Russe!? Genau so ist es! Und uns soll Angst und Bange werden, damit wir auch noch den gewünschten letzten Schritt tun: Unsere Jugend dafür motivieren, in die Armee einzutreten.
Um was zu tun?
Mit dazu beizutragen, dass die deutsche Armee, wie Merz es vollmundig in die Welt posaunte, die größte und schlagkräftigste Europas werden kann. Rational nachvollziehbar ist ein solches Ziel nicht; denn es gibt ja auch noch die Armeen Polens und Frankreichs und anderer ost- und westeuropäischer Staaten. Also genug Kanonenfutter, das gegebenenfalls gegen Russland in Stellung gebracht werden kann. Wozu also diese geplante Überrüstung im Kielwasser des unsäglichen Krieges in der Ukraine?
Soll man sich nur wundern oder vielleicht doch ein wenig ins Grübeln kommen; gerade angesichts der unheilvollen Rolle der deutschen Regierungen zu Anfang und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts für Deutschland, Europa und schließlich die ganze Welt!
Wäre es da nicht angebracht, aus der Geschichte lernend (!), eher mit angezogener militärischer Handbremse unterwegs zu sein statt mit, wie derzeit ersichtlich, überbordendem Bazookagetöse?
Wäre es also nicht angebracht, vorbildhafte Friedenspolitik zu pflegen und zu hegen, zumal für ein Land in der Mitte Europas; Brücke zu sein zwischen West und Ost statt Feindpfleger par excellence? Stattdessen werden die tonangebenden(!) „Mächte über das Faktische“ mobilisiert und wir auf allen Kanälen auf Krieg vorbereitet. Als wäre dies unser unabwendbares Schicksal, dem wir uns zu fügen hätten.
Und leider hat es den Anschein, dass diese Mächtemaschinerie funktioniert. Wie sonst wäre erklärbar, dass einer der Oberbellizisten in unserem Land, der Minister, der für die Armee zuständig ist, Boris(!) Pistorius (SPD!), zu den beliebtesten Politikern gehört. Verkörpert er vielleicht die heimliche Sehnsucht vieler Menschen in Deutschland, stark und unbezwingbar zu sein, dabei offen und „ehrlich“ und gerade heraus – so ein bisschen trumpistisch? Eigentlich die personifizierte Verkörperung der derzeitigen „Mächte über das Faktische“?
Dies mag so sein. Es darf uns aber nicht dazu verleiten, uns den „Mächten über das Faktische“ als Köder zur Verfügung zu stellen! Wie heißt es doch bei Immanuel Kant so trefflich: „Wer sich zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, dass er mit den Füßen zertreten wird.“ Oder, möchte man sagen, als Köder benutzt wird.
Genau das haben wir nicht nötig, uns zu Würmern zu machen, nur weil ein paar Großkopferte und ihre Gefolgsleute uns einreden wollen, wir seien bedauernswerte Würmchen, denen es demnächst an den Kragen ginge. Wobei sie uns doch eigentlich nur an den Angelhaken stecken wollen, um ihre undurchsichtigen Fangqouten zu erfüllen. Dazu dürfen wir uns nicht hergeben! Trotz aller Vorgaukeleien der sich „wahrhaft“ gebenden „Mächte über das Faktische“.
Arbeiten wir daran, diese Mächte zu entlarven, bevor sie tatsächlich erreichen, dass sich Heinrich Manns Beschreibung einer schrecklichen Erfahrung von vor 500 Jahren für uns heute als unheilvolle Prophezeiung erweist – gegen unsere Interessen!
Bild von Kim Shaftner auf Pixabay
* Jürgen Scherer ist ehemaliger Lehrer für Geschichte und Politik an einer hessischen Gesamtschule und GEW-Mitglied. Er schrieb früher für das Magazin Auswege, jetzt für das GEW-MAGAZIN.