Alles nur Theater
Hintersinnige Gedanken zu einer ganz bestimmten „Theaterszene
Eine Satire von Jürgen Scherer*
Man möchte sich wünschen, dass es so wäre, wie in der Überschrift zu diesem Text formuliert. Aber dem ist nicht so. Auch wenn die Schauspieler teilweise so agieren, dass wir, wie manchmal nach einem Theaterbesuch, mit dem Fazit reagieren sollen: War nur kalter Kaffee! Kann man vergessen! Schaut man allerdings hinter die Kulissen, dieses Berliner Ensembles, kann einem nur das kalte Grausen kommen, ob der Scheinperformance, die wir tagtäglich erleben müssen.
Das Theaterstück, das zum Dauerrepertoire der Schauspielriege gehört trägt den unverfänglichen Titel: „Lebe glücklich, lebe froh, wie der Mops im Haferstroh!“ Untertitel: „Vertraue auf Dein Herrchen. Bleib zuverlässig gehorsam und mache, was es sagt!“ Diese Komödie sollen wir genießen und sie uns als Vorbild für unser Wohlergehen zu Herzen gehen lassen.
Das Problem bei dieser Vorstellung ist allerdings, dass die Darsteller, die uns das Spiel um Ruhe, Frieden, Freude, Heimatliebe und Opferbereitschaft ans Herz legen wollen, mit allzu viel Blendwerk ans Werk gehen, sodass wir uns plötzlich mitten in einem „Theaterstück“ wiederfinden, mit dem wir nichts, aber auch gar nichts zu tun haben wollen. Werfen wir einen Blick auf zwei der wichtigsten Darsteller und ihre Rollen und die damit verbundenen, teilweise sichtbaren, teilweise nicht sichtbaren, Auswirkungen ihrer Performance. Die Hauptrolle spielt seit einiger Zeit ein aus dem Sauerländischen kommender Charakterdarsteller mit dem Kürzel M, der vor allem für seine CEO-Expertise bekannt ist, die er quasi nahtlos aus seinem vorherigen schauspierischen Dunstkreis, dem „Freien Ökonomischen Theater“, auf die nun mehr „öffentlich-transparente“ Bühne nach Berlin mitgebracht hat. Nach mehreren Anläufen ist es ihm schließlich gelungen, seine im „Freien“ erworbenen „Führungsqualitäten“ mit Ach und Krach ins „Öffentliche“ zu übertragen; hier schwerpunktmäßig in der Rolle des burschikosen alle mitreißen wollenden D’Artagnan. Durch seine zunächst überzeugende Darstellung hat er den bis dato in dieser Rolle dauerpräsenten ehemaligen Degenträger, seit langem an der Spitze der Operettenarmeeleitung, Kürzel P, aus seiner vormaligen Dominusrolle fürs Vielfachfechten entlastet und ihn für uns als Publikum erst mal weniger sichtbar gemacht, frei nach dem Motto, „Die im Dunkeln sieht man nicht“, auch wenn die oft die eigentlich tragenden Rollen spielen. Nicht anders ist es mit P, der seit dem für uns nicht unbedingt sofort sichtbaren, nichts desto weniger aber gelungenen Rollentausch, unverhohlen weiterhin gemeinschaftsschädigend seine alt-neue Rolle wahrnimmt. Die stellt sich dem aufmerksamen Zuschauer, und so sieht es auch die Regieanweisung vor, als „Hans Fecht in allen Gassen“ dar. So bleibt er, obwohl derzeit eher den Hintergrundfechter gebend, für allzuviele Zuschauer die beliebteste Figur im Berliner Ensemble. Eine Figur, die mehr oder weniger sichtbar Fäden zieht und zugleich Freelancer-Netzwerke aufbaut. Zwar ist das Angebot an Schauspielern mit gefechtlicher Erfahrung begrenzt. Aber da kann P auf Vermittlungsagenturen bauen, die schon alle möglichen Hochs und Tiefs in diesem Gewerbe und diesem Land miterlebt haben – mit Erfolg! Denn das exorbitante Salär, das ihnen geboten werden kann, ist mit den anderen Schauspielern und dem Regisseur abgesprochen und kann sich sehen lassen.
Außerdem gibt es noch freiwillige Selbst/Darsteller aus dem Ausland, vorwiegend den USA, die immer mal wieder gerne zu einem Gastgefecht an die Spree reisen. Wir sehen also, dass die Berliner Theaterszene des Regierungsviertels bestens aufgestellt ist und keine Kosten noch Mühen scheut, um uns ihren scheinheiligen Schwank vom fröhlichen Mops schmackhaft zu machen. Auch wenn in der Requisite einige Leichen am Ständer hängen, die M und P uns wohlweislich noch nicht zu drastisch vor Augen führen wollen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, falls es der Theatergruppe immer mehr gelingt, uns mit der Inszenierung von Nebenschauplätzen vom eigentlichen Stück abzulenken, das eigentlich, und das wissen, wie immer, nur die gut unterrichten Kreise, den Titel trägt: „Der Weg zum Paradies! Mit tödlichen Dornen gespickt“!
Aber wer wird sich vor so etwas schon fürchten. Schließlich hat Jesus das auch hingekriegt. Ohne Opfer wird das ganze eh nicht über die Bühne gehen… Und wie bei echten Theaterstücken endet diese Satire über das grausliche Berliner Mopstheater mit einem Bonmot des unvergesslichen Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki: Der Vorhang fällt und alle Fragen offen!
Bild von adriannesquick auf Pixabay
*Jürgen Scherer ist ehemaliger Lehrer für Geschichte und Politik an einer hessischen Gesamtschule und GEW-Mitglied. Er schrieb früher für das Magazin Auswege, jetzt für das GEW-MAGAZIN.