von Götz Eisenberg

Die Lüge vom gestörten Einzeltäter und das Schweigen über die gesellschaftlichen Ursachen des Hasses. Zu den Taten von Hanau und Volkmarsen und dem »Faschismusbedarf« der Herrschenden

Die Halbwertszeit der Betroffenheit nach dem rassistischen Massaker von Hanau war erstaunlich kurz. Schon nach zehn Tagen hatte das Coronavirus die Tat des Tobias Rathjen aus den Schlagzeilen und Nachrichtensendungen verdrängt. Und die skandalöse Kollaboration von CDU und FDP mit der AfD in Thüringen gleich mit. Den politisch Verantwortlichen blieb es auf diese Weise erspart, aus ihren Lippenbekenntnissen unmittelbar nach der Tat Konsequenzen ziehen zu müssen.

Für einen Augenblick konnte man den Eindruck gewinnen, als wäre die Dringlichkeit eines entschiedenen Vorgehens gegen die Gewalt von rechts ins Bewusstsein gedrungen und als würde die ewige Gleichsetzung von rechter und linker Gewalt ein Ende finden. Bis dahin war nach solchen Ereignissen zu beobachten, wie Politiker sich vor den Kameras wanBild von Alexas_Fotos auf Pixabay den und darauf hinwiesen, man müsse dem Terror von links und rechts Einhalt gebieten, fast immer in dieser Reihenfolge und immer, ohne der einen Hälfte der Ankündigung irgendwelche konkreten Maßnahmen folgen zu lassen.

Nach den rechten Morden von Kassel, Halle und Hanau war einfach nicht mehr zu übersehen, dass die Bundesrepublik ein drastisches Problem mit dem Rechtsradikalismus und der von ihm ausgehenden Gewalt hat. … weiter


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Der Text erschien zuerst am 11.3.2020 in der Tageszeitung “junge Welt“.

 

21. April 2020 · Kommentare deaktiviert für Götz Eisenbergs Corona-Tagebuch 20: Corona-Paranoia oder: Die Hölle, das sind die anderen · Kategorien: Meinungen und Kommentare · Tags: , , , , ,

Tagebuch

 

Götz Eisenbergs Corona-Tagebuch 20

Corona-Paranoia oder: Die Hölle, das sind die anderen

In den letzten Wochen wurde ich verschiedentlich an das berühmte Sartre‘sche Diktum aus dem Theaterstück Bei geschlossenen Türen: „… die Hölle, das sind die anderen“ erinnert. Sartre dachte dabei nicht an die besondere Situation einer Epidemie, sondern an den Alltag in der bürgerlichen Gesellschaft, die jeden zum Folterknecht des anderen macht. Die Menschen sind gezwungen, in einem Universum permanenter Verteidigung und Aggression zu leben. Sie werden zu Konkurrenten und damit tendenziell zu „Gegenmenschen“.

Gestern, also am 15. April, hat Peter Sloterdijk im Arte Journal ein kurzes Statement zur Corona-Krise abgegeben. Die Gefahr einer Verstetigung der Grundrechtseinschränkungen sehe er in Deutschland eher nicht, sagte er. „Dein Wort in Gottes Ohr“, dachte ich. Sein Ur-Vertrauen in die Stabilität der deutschen Demokratie habe ich nicht. Was seiner Meinung aber sehr wohl zurückbleiben könnte, sei „ein leises Anwachsen des paranoiden Faktors im menschlichen Verhalten, weil man nach Epidemien daran denkt, dass der andere ein Ansteckungsherd sein könnte“. … weiter

Tagebuch oben links: Bild von OpenClipart-Vectors auf Pixabay
Bild von Александр Канцур auf Pixabay


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