(Ver)Querdenken

 

Ein Kommentar von Hans Albert

„Glasauge“, das online-Satiremagazin der WELT, vermeldete am 10. November 2020, also rund sieben Wochen, bevor der erste Corona-Impfstoff in der EU zugelassen wurde, dass die Teilnehmer der „Querdenken“-Demonstrationen als erste gegen die Pandemie geimpft werden sollten. Die Polizei werde mit speziellen Blasrohren ausgestattet, um die dicht beieinander stehenden Demonstranten mit kleinen Impf-Pfeilen zu beschießen. Und für Notfälle sollten mit dem Corona-Vakzin befüllte Wasserwerfer als Impfduschen bereitstehen.

Diese Satire ist eine sehr schön quer gedachte Reaktion auf die seit rund einem Jahr anhaltenden Querdenker-Proteste gegen die offiziellen Corona-Schutzmaßnahmen. Das sollte uns jedoch nicht täuschen, denn die Querdenker-Bewegung existiert nach wie vor. Aber was ist Querdenken denn eigentlich?

Wer bei Wikipedia nachschaut, wird auf den Begriff „Laterales Denken“ umgeleitet und erfährt, dass „Querdenken“ die umgangssprachliche Formulierung für eine Denkmethode ist, „die im Rahmen der Anwendung von Kreativitätstechniken zur Lösung von Problemen oder Ideenfindung eingesetzt werden kann“ (Wikipedia, Abruf v. 27.03.2021). Quer- oder „Um-die-Ecke-Denken“ ist also ein nicht logisches, sondern intuitives und unkonventionelles Verfahren zur besonders einfallsreichen Suche nach Problemlösungen.

Das klingt doch recht positiv. Und wenn man weiß, dass „Laterales Denken“ als Begriff erstmals 1967 in der wissenschaftlichen Literatur aufkam und als Gegenpol zum linearen Denken, zum Denken von A nach B und von B nach C zu verstehen ist, ahnt man die große Bedeutung dieser Theorie für die Praxis kreativen Denkens in der Wirtschaft. Wer nach einem zündenden Werbeslogan sucht, wird mit einer freien Assoziationsrunde im Team sicherlich erfolgreicher querdenken als mit geradeaus vollziehender Logik. Dementsprechend war „Querdenker“ auch der Name einer innovativen Wirtschaftszeitschrift, die von 2009 bis 2014 in München verlegt wurde und eine Auflage von 10.000 Exemplaren erreichte. 2010 war sie sogar mit dem „Innovationspreis der Deutschen Druckindustrie“ ausgezeichnet worden.

Von dieser positiven Art des Querdenkens kann man bei den derzeitigen Corona-Protesten nicht ausgehen. Das Übertreiben der Teilnehmerzahl der Demonstration am 1. August 2020 in Berlin, als die Polizei von 30.000, die Veranstalter aber von 1,3 Mio. Teilnehmerinnen und Teilnehmern sprachen, war nicht innovativ, sondern lediglich verquer – der ARD-Faktenfinder rechnete nach, dass die Kundgebungsfläche diese Menge gar nicht fassen könne. Doch die Veranstalter bemühten sogar Bilder der Loveparade von 2001 als „Beweis“ für ihre falschen Angaben …

Das kreative Quer- oder Um-die-Ecke-Denken hat also nichts mit der selbsternannten Bewegung „Querdenken 711“ zu tun, die sich als Massenbewegung darzustellen versucht, obwohl sie juristisch gesehen gar nicht existiert – es gibt keinen Verein, keine Partei, keine GmbH dieses Namens, sondern nur eine Person, die anscheinend sehr gut an dieser Konstruktion verdient. Ihre T-Shirts und Buttons verkaufen sich jedenfalls exzellent. Bei „Querdenken 711“ machen Rechtsextreme und radikale „Reichsbürger“ mit, Esoteriker und christliche Fundamentalisten, QAnon-Verschwörer und Antisemiten. Es ist kaum zu glauben, dass die krude Ideenwelt dieser Menschen eine recht breite Anhängerschaft in unserer Gesellschaft hat und tatsächlich Massen bewegt – die Großdemos im vergangenen Jahr und auch die Erstürmung des Capitols in Washington am 6. Januar bestätigen das jedoch. Ob Computerspielabhängigkeit damit in Zusammenhang steht, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt, aber da Untersuchungen in Deutschland, Großbritannien, Südkorea oder den USA Suchtquoten zwischen 8,5 und 12 Prozent bei jugendlichen Usern nachweisen, kann man durchaus davon ausgehen. Wer in dieser Ecke der online-Welt zu Hause ist, den lockt nichts in den Bereich seriöser öffentlich-rechtlicher Medien.

Die Demonstrationsaktivitäten der selbst ernannten Querdenker nehmen derzeit wieder zu, wie nicht nur ihre Website mit zwölf Terminen für das jüngste Wochenende verrät. Allein in Köln gab es drei solche Veranstaltungen. Wer jedoch mit offenen Augen durchs reale Leben geht, sieht die Welt anders als jene, die die Corona-Infektions- und Todesfallzahlen oder die Belegungsquoten der Intensivstationen mit ums Leben kämpfenden Betroffenen ignorieren. Sie halten das alles für „fake news“ und denken nicht kreativ quer, sondern nur kurios verquer.

Es reicht nicht, das alles kopfschüttelnd zur Kenntnis zu nehmen. Jede und Jeder ist gefordert, laut und deutlich für Vernunft und Vorsicht einzutreten. Die steigenden Infektionszahlen in KiTas und Schulen sind bedenklich real, genauso wie die derzeit wieder ansteigenden Quoten der Corona-Intensivpatienten und Todesfälle. Dagegen hilft nur die Macht der Vernunft – unserer eigenen Vernunft.


Bild von Gerd Altmann auf Pixabay 

 

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