Der Kommentar zum Zeitgeschehen
von Jürgen Scherer*
Ihr habt dieser Tage auf eine Untersuchung der Uni Konstanz hingewiesen. Der Überschrift dazu lautete „Politische Sozialisierung im Klassenzimmer“. So interessant und lesenswert die Untersuchung der Uni Konstanz ist, so nachholend, wenn auch nicht vergessenswert, sind die Ergebnisse. Zeigen sie doch in meinen Augen nicht unbedingt Neues auf, allerdings sehr Beherzigenwertes!
Schon in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es überzeugende Untersuchungen zur politischen Sozialisation in Schule und Elternhaus. Es wurden auch Schlussfolgerungen daraus gezogen. Und siehe da, das Fach Politische Bildung, das es je nach Bundesland in anderer Gestaltung gab, erlebte einen bewusstseinsmäßigen Aufschwung, auch in den Köpfen und Herzen der Kultusministerien und fand so auch eine kurzfristige Aufwertung in den Schulen. Aber die Crux, und das scheint mir bei bei vielen solcher Veröffentlichungen zu sein, liegt darin, dass „Politische Bildung“ zwar erwünscht ist, aber, schließlich hat ja immer noch der Staat die Aufsicht über die Ausgestaltung solcher Vorhaben, doch bitteschön nicht zu weit gehen darf. Geschieht dies, wird die schulaufsichtliche Notbremse gezogen.
Erinnert sei an eine Initiative der Frankfurter Professorin Gertrud Beck. Sie wollte mit dazu beitragen, dass Politische Bildung nicht nur so unter der Hand Wirkung entfaltet, sondern schon möglichst frühzeitig demokratiefördernd ins Spiel kommt. Da ihr Spezialgebiet die Primarstufe war, hat sie, eben im Rahmen der damaligen Erkenntisse, dass Politische Bildung schon viel früher greift als gedacht, Lehrpläne und Schulbücher für die politische Bildung im Rahmen des Sachunterrichts der Grundschule entwickelt und im Rahmen des Booms auf den Markt gebracht. Dieses Lehr- und Lernmaterial wurde auch recht aufgeschlossen im Primarstufenunterricht diverser Bundesländer eingesetzt. Aber dann schlug die ideologiebehaftete Debatte zu, die wider alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, glauben machen konnte, dass die ach so unschuldigen Kleinen für dezidiert Politisches gar keinen Sense aufbringen könnten, noch sollten. Man sollte ihnen ihnen ihre „politische Unschuld“ nicht rauben. Dahinter stand die Angst resp. Befürchtung, dass zu frühe demokratische Bewusstseinsbildung vielleicht zu zukünftigen BürgerInnen führen könnte, die tatsächlich ein bisschen zu früh zuviel Mündigkeit in die politische Willensbildung einbringen könnten.
Wie auch immer, der gesellschaftliche Diskurs sorgte dafür, dass die dezidiert grundschuladäquate Politische Bildung wieder von der Bildfläche verschwand und sich fachgemäß wieder auf die Jahre in der den Klassen der Sekundarstufe I konzentriert wurde, wo ja auch die spannenden Ergebnisse der Konstanzer Untersuchung zutage traten. Diesen wichtigen Untersuchungsergebnissen ist zu wünschen, dass sie nicht, ähnlich wie im weiter oben geschilderten Fall, zum versanden gebracht werden. Dazu sind mündige Bürgerinnen in einem demokratischen Gemeinwesen viel zu wünschenswert. Dennoch sei auf einige, meine Skepsis hinsichtlich der Umsetzung der Konstanzer Untersuchung, befördernde Implikationen verwiesen: Tagtäglich wird in unserem Land die Notwendigkeit von Bildung als bedeutende gesellschaftliche Ressource betont. Zugleich werden allenthalben entsprechende Stellen im Bildungsbereich nicht ausreichend besetzt oder mit minder qualifizierten Seiteneinsteigern. Zugleich wird in den Schulen der Sek I gerade der Geschichtsunterricht und nicht weniger der Unterricht in Politischer Bildung entweder fachfremd unterrichtet oder auch der „Not“ gehorchend, ausfallen gelassen.
Diese Misere ändert sich seit Jahren nicht. Deshalb sind die Schaufensterreden zur Förderung der wichtigsten Ressource in unserem Land, nämlich der Bildung, genau das, solange die von uns allen erarbeiteten Steuergelder statt in wirklich gesellschaftlich und demokratisch wichtige Bereiche in den allenthalben hochgehypten Bereich „Kriegstüchtigkeit“ investiert werden. Wir werden weiterhin das unermüdliche Bemühen unserer GEWerkschaft für Frieden und Bildungsgerechtigkeit in dem gesellschaftliche Getümmel unserer Zeit benötigen, wenn wir dem Ziel einer mündigen, toleranten und auf friedlicher Grundlage bestimmten Gesellschaft und Welt näher kommen wollen. Umso wichtiger ist es immer wieder, objektive Ergebnisse gesellschaftlicher Wirklichkeiten, wie die der Uni Konstanz, ins öffentliche Bewusstsein zu rufen.
*Jürgen Scherer ist ehemaliger Lehrer für Geschichte und Politik an einer hessischen Gesamtschule und GEW-Mitglied. Er schrieb früher für das Magazin Auswege, jetzt für das GEW-MAGAZIN.