Lehrer Mansour

Der nachfolgende Leserbrief war ursprünglich der Durchhalteprosa 26 von Götz Eisenberg gewidmet. Damit dieser Brief nicht in den Tiefen des Magazins verschwindet und nicht wahrgenommen wird, veröffentlichen wir ihn nun als Kommentar. Wir danken dem Autor!


Lehrer Mansour

Ein Kommentar von Johannes Kreft

„Menschen leben Hass und seine Destruktivität aus,
weil sie Angst vor sich selbst haben, vor ihrer Leere und
Bedeutungslosigkeit. Sie wollen ausgrenzen und demütigen,
damit sie sich nicht mit sich selbst beschäftigen müssen…
Sie glauben einer Lüge, weil sie die Wahrheit nicht ertragen können.“
(Ahmad Mansour)

***

Sehr geehrter Götz Eisenberg,

die Bekämpfung der Pandemie kommt nur in kleinen – oft Verwirrung und Unruhe stiftenden Schritten – voran. Zugleich sehen Sie voraus, dass weitere Modernisierungsschübe auch unsere letzten solidarischen Traditionen weiter erschüttern werden. Unzufriedenheit und Wut werden in weiten Teilen der Bevölkerung wachsen. Und wenn es nicht gelingt, die sich zuspitzende Lage kritisch aufzuarbeiten und antikapitalistisch zu wenden, werden Unzufriedene und Wütende massenhaft den Heilslehren der Rechten folgen. In Ihrer Durchhalteprosa zeigen Sie die Notwendigkeit einer großangelegten Aufklärungs- und Erziehungskampagne auf, die dem Triumph der Rechten entgegenwirken sollte. Aber wie wäre eine solche Kampagne zu gestalten? Wie wären gewisse Lernziele zu erreichen, etwa Lust am kritischen Denken oder die Fähigkeit, sich eigene Wünsche und Interessen klarzumachen und in ein gemeinsames Handeln münden zu lassen?

Zufällig lese ich gerade von Ahmad Mansour: „Solidarisch sein! Gegen Rassismus, Antisemitismus und Hass“, ein Büchlein, in dem Mansour eine ähnliche, tatsächlich ins Leben gerufene Kampagne in vielerlei Einzelheiten erläutert. Er sieht die Demokratie unseres Landes bedroht, indem mehr und mehr junge Menschen sich innerlich nicht frei entwickeln, keine Möglichkeit zur Mitarbeit in der Gesellschaft finden und sich in einer Kurzschlussreaktion dem Hass auf vermeintlich Andersartige verschreiben. Die allgemeine Tendenz: Migrantenkinder hassen „Kartoffelfresser“, Kinder Alteingesessener hassen „Ausländer“, Vertreter unversöhnlicher politischer Blöcke hassen sich gegenseitig, polarisieren, d.h. teilen die zu konstruktivem gesellschaftlichem Leben Entschlossenen unter sich auf… Diesen fatalen Entwicklungen entgegenzuwirken, ist für Mansour, geboren 1976, ein Jahrzehnte währender Marathon, der insbesondere den Heranwachsenden in Familie und Schule (aber etwa auch im Gefängnis!) gewidmet sein muss. Mansour erzählt von den Workshops, die er veranstaltet, von der Geschichte einzelner Teilnehmer, seinen eigenen Erfahrungen als Einwanderer.

Ausgehend von den jeweiligen Lebenserfahrungen seiner Absolventen, kann es Mansour nicht darum gehen, ein bestimmtes Erklärungsschema vorzugeben. Seine Gesprächsteilnehmer lässt er selbst Methoden entwickeln, sich Klarheit im Leben zu verschaffen. Er versucht, das eigene Nachdenken und Nachfühlen seiner Partner anzuregen: Worum geht es in meinem Leben? Wie gehe ich mit äußerlicher oder innerlicher Behinderung um? Sehr brauchbar scheinen mir etwa Mansours Stichworte „Empathie“ oder „Biographiearbeit“. Unter Empathie verstehen wir die Fähigkeit, sich in ein Gegenüber hineinzudenken und einzufühlen – mit Mansour aber zugleich die Fähigkeit, sich verborgenen eigenen Gefühlen zu stellen, sich selbst aus einer gewissen Distanz zuzuschauen: Ach das ging damals in mir vor…

Empathische, vielfältigem Hass entgegenwirkende Fähigkeiten zu stärken, kann nicht Sache eines sonderlichen einzelnen Lehrers bleiben. Auch mit der Etablierung neuer Schulfächer, darunter „Empathie“, wäre es nicht getan. Empathie, so Mansour, können etwa Eltern ihren Kindern vorleben. Und: „Man kann zum Beispiel empathisch Auto fahren, empathisch Geld verdienen, empathisch einkaufen.“

Sie vermissen den großen Wurf, vermissen das ganz große Ruder, das es ein für alle Mal herumzureißen gilt? Aber ich frage mich doch, ob es nicht sinnvoll wäre, vielfältige kleine Ansätze, die einen kleinen Hassausbruch verhindert haben, genauer wahrzunehmen? Und ich frage mich auch, ob Durchhalten nicht eben dies bedeutet: Sich durch vielleicht kleine, vielleicht sonderbare Neuinterpretationen treu zu bleiben?

Mit herzlichem Dank für Ihre Folge 26!

Und halten Sie durch!

Ihr Johannes Kreft


Aus Spamgründen veröffentlichen wir hier keine Mailadrese von Johannes Kreft. Wer Kontakt mit dem Autor aufnehmen möchte, schreibe bitte der Redaktion. Wir leiten die Zuschrift umgehend weiter. 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.