Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 13

Vom Schlafen im Kanonenrohr und der Normalisierung des Grauens

„Zu der Bettlerin, die zudringlich wurde,
sagt die Besitzerin des Restaurants, und
sie zeigt dabei auf die Langusten essenden Gäste:
‚Versetzen Sie sich doch in die Lage dieser Herrschaften.‘“
(Albert Camus)

In Hamburg hat am 4. Oktober, also fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Anschlag von Halle, ein 29-jähriger Mann vor einer Synagoge mit einem Klappspaten auf einen jüdischen Studenten eingeschlagen. Das Opfer erlitt erhebliche Kopfverletzungen. Der Täter ist ein sogenannter Deutschrusse, trug eine Bundeswehruniform und führte in der Hosentasche ein selbst gemaltes Hakenkreuz mit sich. Ich vermute, dass der Mann nicht nur den Klappspaten und die Uniform, sondern auch seine politische Prägung von der Bundeswehr bezogen hat.

Wieder wurde der Mann flugs zum Einzeltäter erklärt, nach seiner psychischen Störung wird noch gefahndet. Insgesamt schien mir das mediale Echo gering. Es muss offenbar jemand zu Tode kommen, damit die Empörungsmaschinerie anspringt. Die von Herbert Marcuse zu Zeiten des Vietnamkriegs beobachtete „Normalisierung des Grauens“ ist auch im Feld des Antisemitismus zu beobachten. Wir gewöhnen uns daran, dass in unserem Land wieder Juden attackiert werden. … weiter

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Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 12

In den Wald gehen

„Wir leben in einer Gesellschaft,
in der das Privateigentum vor dem Menschen
sehr stark, der Mensch vorm Privateigentum
aber nur sehr schwach geschützt ist.“
(Peter Brückner)

Am vorletzten Tag der Hitzewelle saß ich mit Jürgen in seinem Garten an der Lahn. Wir hockten an einem kleinen Tisch unter einem Pflaumenbaum und aßen Nuss- und Mandelecken, die ich aus meiner Lieblingsbäckerei mitgebracht hatte. Eichhörnchen wuselten durchs Geäst. Jürgen lebt in einem ausgedienten Zirkuswagen und einer kleinen Holzhütte, die er sich im Laufe der Jahre aus Abfällen gebaut hat. Er ist ein Fahrrad-Freak, setzt alte Räder instand und weiß und kann einfach alles rund ums Fahrrad. Gerade ist er dabei, ein aus dem 19. Jahrhundert stammendes Hochrad instand zu setzen. Mit meinem Hollandrad stimmt einiges nicht, und Jürgen hatte versprochen, es sich mal anzusehen.  … weiter

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Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 11

… der Gesellschaft!

Anomie in Germoney

„Eine Literatur, die nicht den Schmerz und 
die Unrast der Gesellschaft wiedergeben kann, 
die nicht rechtzeitig vor den moralischen 
und sozialen Gefahren warnt, 
verdient den Namen Literatur nicht.“
(Alexander Solschenizyn)

Jeden Tag, den ich jetzt noch an der Lahn verbringen kann, empfinde ich als Geschenk, als Zugabe des Sommers. Ich habe mich beinahe das komplette Corona-Jahr über an der Lahn aufgehalten. Die Lahn war mein Fluchtpunkt und meine Rettung. Das Wasser ist durch die kalten Nächte der letzten Zeit bereits merklich kühler geworden. Ausgiebiges Baden im Fluss ist nicht mehr möglich, ich schwimme ein paar Züge und steige dann wieder heraus.

Ich sitze am Ufer, blinzele in die schon tief stehende Sonne. Der Betrieb des Sommers ist abgeflaut, es ist ruhiger geworden. Ab und zu gleitet ein Paddelboot vorüber, man nickt sich zu oder hebt grüßend die Hand. Die älteren Menschen, die jetzt noch unterwegs sind, führen keine Bluetooth-Boxen mit sich und genießen die Stille über dem Fluss. Blätter treiben auf dem Wasser, gelegentlich schwimmt ein Apfel vorüber. Schwäne ziehen ihre Bahn.  … weiter

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Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 10

Trump verhindern!

„Ja, die Krise ging vorüber, aber nur, weil du eine abrupte Kehrtwendung gemacht und dein Schicksal mit dem der protestierenden Studenten zusammengeworfen hast, das erste und einzige Mal, dass du jemals Teil einer Gemeinschaftsaktion gewesen bist, und dieser Zusammenschluss brach offenbar den Bann der Hoffnungslosigkeit, unter dem du gestanden hattest, rüttelte dich wach und verhalf dir zu einem neuen, gestärkten Gefühl dafür, wer du warst.“
(Paul Auster)

Paul Auster und Siri Hustved haben die Initiative Schriftsteller gegen Trump ins Leben gerufen. Inzwischen haben sich bereits 1100 Schriftsteller, Drehbuchautoren, Essayisten und Songtexter aus den ganzen USA der Initiative angeschlossen. Auch die Kanadierin Margaret Atwood unterstützt das Anliegen ihrer us-amerkanischen Kolleginnen und Kollegen. Auster sagte: „Auch für mich war Biden nicht die erste Wahl – nicht mal die zweite. Aber mittlerweile glaube ich, dass er zum jetzigen Zeitpunkt vielleicht doch der beste Kandidat ist, den die Demokraten nominieren konnten.“

Die Auftritte der beiden Kandidaten für das Präsidentenamt in Kenosha haben die Unterschiede deutlich hervortreten lassen und viele für Biden eingenommen. Während Trump sich ostentativ auf die Seite der Polizei stellte, traf sich Biden mit der Familie eines der letzten Opfer von rassistischer Polizeigewalt, Jacob Blake. Er bekundete seine Absicht, die „Ursünde Amerikas“ anzugehen: die Sklaverei und ihre bis heute wirksamen Überreste. … weiter

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05. September 2020 · Kommentare deaktiviert für Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 9: Vom Agonisieren und Verunfallen · Kategorien: Körper und Seele, Meinungen und Kommentare · Tags: , , , , , , , , , ,

 

Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 9

Vom Agonisieren und Verunfallen

„Es ist schade, dass man dann sterben muss,
wenn man eben angefangen hat einzusehen,
wie man eigentlich hätte leben sollen.“
(Theophrastos von Eresos)

Herbstzeitlose

Die neue Woche beginnt mit beinahe schon herbstlicher Kühle. Zum ersten Mal seit Langem habe ich keine Lust, vor dem Frühstück zur Lahn zu radeln und zu schwimmen. Noch ist hoffentlich nicht aller Sommertage Ende. Mit Schrecken sehe ich die Tage kürzer und die Nächte länger werden.

Denn die Nacht ist das Territorium der Angst. Aus welchen Tiefen meiner Seele steigt bloß diese elende Angst auf, die mich seit einiger Zeit und nun immer öfter befällt? Es gab Jahre, da kannte ich das nicht. Vielleicht verhält sich das Alter spiegelbildlich zur Kindheit, denn meine Kindheit war angefüllt mit Angst. Kehrt die nun im Alter wieder? Ist es dieselbe Angst oder ist sie heute anders zusammengesetzt? … weiter

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22. August 2020 · Kommentare deaktiviert für Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 8: Wandervögel am Edersee · Kategorien: Meinungen und Kommentare · Tags: , , , , , , ,

 

Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 8

Wandervögel am Edersee

»Wo gehn wir denn hin?«
»Immer nach Hause.«
(Novalis)

Wir gehen spazieren, wo vor vier Wochen noch der Edersee gewesen ist. Sein Wasser wird im Sommer stufenweise abgelassen, um die Weser schiffbar zu halten. Dafür wurde der Stausee 1914 angelegt, und so ist es bis heute geblieben. Wo vor Wochen noch Wasser gewesen ist, ist eine Art Sahelzone entstanden. Der Schlamm am Grund des Sees ist getrocknet und aufgerissen. Es riecht modrig und wimmelt von Insekten. Wir suchen nach einer Stelle in der Eder, wo ich vor ein paar Jahren geschwommen bin. … weiter

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Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 7

Die Flucht aus der „Eiswüste der Abstraktionen“

„Wenn alles stinkt,
kann einer für sich allein nicht duften.“
(Katja Lange-Müller)

Donald Trump droht damit, die chinesische Smartphone-App Tiktok zu verbieten. Das Argument: Tiktok liefere die von den Nutzern abgefischten Daten an den chinesischen Staat. Was zum Teufel machen Facebook und Twitter mit den Daten ihrer Nutzer? Seit Snowdens Enthüllungen wissen wir darüber Bescheid, dass diese Plattformen aufs Engste mit dem NSA und anderen Diensten zusammenarbeiten. Aber das ist natürlich etwas ganz anderes. „Wir“ sind ja schließlich Demokraten. Facebook lieferte die Daten von Nutzern ohne deren Wissen an die Firma Cambridge Analytica, die mittels Targeted Advertising, das heißt zielgenauer Werbung und auf den jeweiligen Empfänger abgestimmten Fehlinformationen, den Wahlsieg Trumps erst möglich machte.

Auch beim Brexit hat sich dieses Vorgehen bewährt, und es steht zu fürchten, dass es Schule macht und die demokratische Willensbildung und politische Urteilskraft weiter unterminiert. Die Hauptgefahr droht der Demokratie nicht von den Rechtsradikalen, sondern von den weltumspannenden Tech-Konzernen, den sogenannten „Big Five“, und ihren Praktiken. … weiter

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31. Juli 2020 · Kommentare deaktiviert für Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 6: Vom Schwimmen im Fluss · Kategorien: Körper und Seele, Meinungen und Kommentare · Tags: , , , , , , , ,

 

Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 6

Vom Schwimmen im Fluss

„Ich bin siebzehn oder achtzehn oder zwanzig Jahre und weiß,
dass der Mensch einsam ist in seinem Leben.“
(Monika Maron)

Was gibt es Schöneres als an einem warmen Sommermorgen im Fluss zu schwimmen? Die letzte Nacht habe ich schlecht und unruhig geschlafen. Wenn ich in einem Schreibprozess stecke, kann ich oft mit dem Denken nicht aufhören. Und das muss man, wenn man Schlaf finden möchte.
Und natürlich hatte ich Angst. Die ganze Zeit habe ich Angst. Ab ovo sozusagen. Deswegen verwende ich das Wort natürlich. Das soll nicht heißen, von Natur aus. Die Angst ist ein Kulturprodukt, in diesem Fall ein Familienprodukt. Das macht es aber nicht besser. Das Wissen um ihren Ursprung hat sie leider nicht zum Verschwinden gebracht. Ich habe gelernt, mich mit ihr ins Benehmen zu setzen. Auch mit der Einsamkeit, die aus ihr hervorwächst und mit ihr einhergeht. … weiter

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