Zwei Gedanken, die sich ernsthaft widersprechen – und das in einem Kopf: Zur kognitiven Dissonanz
von Frank Herold
1. Einleitung
Sind wir nicht alle ziemlich fantasievoll darin, Widersprüche in unserem Denken zu verteidigen und Schieflagen zwischen unseren Überzeugungen und Handlungen zu rechtfertigen? So können wir etwa eine Tatsache einfach als willkürliche Behauptung betrachten oder unsere Unordentlichkeit zur Kreativität erheben. Diese Begabung ist auch sinnvoll – einerseits. Denn sie dient dem „Schutz unseres Selbstwertgefühls“ (Aronson/Wilson/Sommers 2023, 205).
Andererseits hat sie aber auch Schattenseiten, und die können allerlei Ungemach bedeuten. Bemerkenswerte Einsichten hierzu bietet die Theorie der kognitiven Dissonanz, von der dieser Text handelt. Begründet von Leon Festinger (1957), ist sie wahrscheinlich die wichtigste und herausforderndste Theorie der Sozialpsychologie (ebd.). … weiter
Bild von Franz Bachinger auf Pixabay
Die Halbwertszeit der Betroffenheit nach dem rassistischen Massaker von Hanau war erstaunlich kurz. Schon nach zehn Tagen hatte das Coronavirus die Tat des Tobias Rathjen aus den Schlagzeilen und Nachrichtensendungen verdrängt. Und die skandalöse Kollaboration von CDU und FDP mit der AfD in Thüringen gleich mit. Den politisch Verantwortlichen blieb es auf diese Weise erspart, aus ihren Lippenbekenntnissen unmittelbar nach der Tat Konsequenzen ziehen zu müssen.