Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 40: Brancos Hosen

Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 40
Brancos Hosen
„Meine Philosophie ist in meinen Handlungen enthalten, sie steht mir ins Gesicht geschrieben. Auf die Frage nach dem Sinn des Lebens antwortet jeder mit seinem Lebenslauf.“
(György Konrád)
Habe heute mit meinem alten Freund Micha eine Runde durch den Park gedreht. Wir setzten uns in der Herbstsonne auf eine Bank und sprachen über dies und das. Wir kennen uns seit ewigen Zeiten, wie man so sagt, und da gibt es eine Menge zu besprechen, wenn sich unsere Wege alle paar Wochen kreuzen. Einer seiner Enkel, der schwer erkältet war, hat ihm vor ein zwei Wochen mitten ins Gesicht geniest, und seither ist er krank und hustet nun seinerseits. Da er gesundheitlich angeschlagen ist, hat er beschlossen, den Kontakt zu den lieben Kleinen bis zum Ende der Erkältungssaison zu meiden.
Eine alte Frau im Rollstuhl fuhr an uns vorüber. Sie ist wahrscheinlich in einem am Park gelegenen Seniorenheim untergebracht und dreht hier unermüdlich ihre Runden. Wir verständigten uns, dass wir sie beide schon lange kennen und wegen ihres unbändigen Lebenswillens bewundern. … weiter
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Paradoxerweise werden wir in einer Welt, die moderner nie war, mit individuellen und kollektiven Bewältigungsmustern konfrontiert, die uralt und archaisch anmuten. Im Hochmittelalter (14. Jhdt.) wurde Venedig als führende Handelsmacht zum Einfallstor für die erste schwere Pestepidemie. Man richtet zwei Quarantäne-Inseln vor Venedig ein, auf denen man sowohl die Waren als auch die Personen zunächst einmal lagerte, bei denen man Angst hatte, dass sie diese Pest mitbringen können. Aber bereits im 3. Buch Mose, das zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert v. Chr. entstanden ist, finden sich Praktiken zu Isolation und Quarantäne.
Was für ein Glück, dass wir den Heribert Prantl haben. Seit Jahrzehnten ist er eine zuverlässige Stimme der Vernunft. In der Osterausgabe der Süddeutschen Zeitung hat er eine Kolumne veröffentlicht, in der es um die Lehren geht, die aus der Corona-Krise für das Gesundheitswesen zu ziehen wären. Er erinnert daran, dass man in Deutschland seit 1985 damit begonnen hat, das Gesundheitssystem zu privatisieren. Seither wurden Krankenhäuser zu einem Geschäftsmodell, mit dem Gewinne zu erzielen sind. Aus dem Gesundheitswesen wurde peu à peu eine Gesundheitsindustrie. Mit allem, was dazu gehört: 30.000 Betten wurden abgeschafft, 50.000 Stellen, vor allem im Pflegebereich, gestrichen, Fallpauschalen eingeführt. Und nun werden unter Verweis auf die drohende Überlastung des Gesundheitssystems und fehlende Intensivpflegebetten unsere Grund- und Freiheitsrechte massiv beschnitten. Gut, dass die Leute ein derart kurzes Gedächtnis haben, sonst würden sie „denen da oben“ diese Begründung um die Ohren hauen. …