Das Schleswig-Holstein Musik Festival und die AfD

von Detlef Träbert

Es war Sonntag, 5. Juli. Fasziniert saß ich am Abend vor dem Fernsehgerät und lauschte hingebungsvoll dem großartigen Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Beeindruckende Solistin am Violoncello war Anastasia Kobekina, eine Russin. Der Name der Dirigentin, Karina Canellakis, klingt griechisch, doch das sind nur die Wurzeln ihrer Herkunft. Im Interview spricht sie sehr gut Deutsch mit einem leicht amerikanischen Akzent – ja, sie ist tatsächlich US-Amerikanerin, wenn auch mit teils griechischen, teils russischen Wurzeln.

Beim Blick in die Gesichter der Musikerinnen und Musiker des NDR Elbphilharmonie Orchesters sieht man höchste Konzentration. Sie spielten zunächst ein Cellokonzert von Dvořák und begeisterten das Publikum so sehr, dass einige Zuschauer sich bereits in der ersten Satzpause mit ihrem Beifall nicht zurückhalten konnten.

Während das Konzert live gesendet wurde, ging der AfD-Bundesparteitag zu Ende. Lautstark und plakativ war dort wieder einmal das Konzept der „Remigration“ beschworen worden. Wäre es auf dieses Konzert angewendet worden, hätte eine wunderbare, eine grandiose Veranstaltung nicht stattfinden können. Schließlich waren nicht nur Dirigentin und Solistin keine Deutschen, sondern auch ein erheblicher Teil der Orchestermusiker hat ganz offensichtlich asiatische und sonstige nicht-deutsche Wurzeln. Dvořák war übrigens Tscheche.

Das zweite Stück des Abends war eine Symphonie von Gustav Mahler, einem Österreicher. Das dürfte in rechten Kreisen zwar akzeptabel sein, aber – Mahler war Jude. Welch eine Kultur hätten wir unter der politischen Führung der AfD? Die Internationalität nicht nur des kulturellen, sondern auch des wirtschaftlichen Lebens ist doch gar nicht mehr umkehrbar. Der öffentliche Nahverkehr würde endgültig zusammenbrechen, die Krankenhäuser müssten schließen und die industrielle Produktion wäre am Ende, wenn alle AusländerInnen und MitbürgerInnen nichtdeutscher Herkunft das Land verlassen würden.

Wenn wir in der Welt von heute überleben wollen, brauchen wir die Überwindung nationaler Grenzen und nationalistischen Denkens. Und weil dieses Überleben angesichts des Klimawandels, der Erwärmung der Ozeane, der Schadstoffbelastung von Boden und Wasser und wegen vieler weiterer Faktoren schwierig genug wird, brauchen wir auch Musik wie die vom Schleswig-Holstein Musik Festival: faszinierend und international, aufbauend und ermutigend.

 

Sich Gedanken machen

von Detlef Träbert

Als ich ein Kind war, bekam ich öfters die Aufforderung zu hören: „Dann mach dir mal Gedanken!“ Das geschah stets, wenn ich nicht gleich verstanden hatte, warum ich unbedacht gehandelt haben sollte. „Denken“ – das ist eine speziell menschliche Besonderheit, denn keine lebende Art kann das; nur wir Menschen sind zum Denken in der Lage, wenn wir das wollen.

Kürzlich erzählte mir ein Bekannter, was er für Ängste auszustehen habe, wenn er nach einem Abend in der Stadt zurück zum dortigen Bahnhof müsse, um wieder nach Hause zu fahren. Dort seien so viele Ausländer unterwegs, so viel „Pack“, wie er es nannte. Er müsse dort ständig damit rechnen, überfallen, zusammengeschlagen und ausgeraubt zu werden. Er sei sehr dafür, dass mehr gegen die Ausländer getan werde. Diskutieren wollte er allerdings nicht über dieses Thema.

Tatsächlich sieht die Bahnhofsgegend, von der mein Bekannter sprach, nicht sehr einladend aus. Aber über Vorfälle der befürchteten Art weiß ich nichts. Auch ich gehe abends gelegentlich dort durch. Auch ich sehe gelegentlich dort Gruppen von Männern beisammen stehen, die in fremder Sprache miteinander reden und nebenbei Gebetskettchen durch ihre Finger wandern lassen. Ich sehe Fremde, Leute, die anders aussehen als mein Bekannter oder ich. Aber ich empfinde keine Angst, wenn ich diese Gegend passiere. Ich bin dort aufmerksamer als in anderen Ecken unserer Stadt – das schon. Ich schaue den Menschen, denen ich begegne, grundsätzlich ins Gesicht. Das tue ich überall. Das wurde mir als Kind so anerzogen: dem Gegenüber ins Gesicht schauen und bei Blickkontakt grüßen. Ich bemühe mich dann um ein freundliches Lächeln und nicke mit dem Kopf, auch wenn mein Gruß nur selten erwidert wird. Aber beim Anschauen der mir begegnenden Leute meine ich manchmal, in ihren Augen Angst zu sehen – gerade bei jenen Männern in der besagten Bahnhofsgegend.

Das hat mein Bekannter nie „wahrgenommen“, und darum kann er es nicht als wahr annehmen. Diese Männer leben zwar hier, aber sie sind fremd und fühlen sich auch so. Welche Schicksale sie tragen, welche Erlebnisse sie hinter sich haben, welche Geschichte die ihre ist, davon habe ich wenig Ahnung. Sind sie vor einem Krieg geflüchtet? Mussten sie vielleicht sogar ihre Familien zurücklassen? Welche Gefahren mögen sie überstanden haben? Aber auch jenseits allen Mitgefühls: Sind diese Männer Straftäter, vor denen ich mich in Acht nehmen muss?

Die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) besagt zwar, dass der Anteil straffällig gewordener Ausländer höher sei als der der Deutschen, aber das hat seine Gründe. Das renommierte ifo-Institut (Universität München) hat die Daten der PKS von 2018-2023 ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis, dass Ausländer deswegen in der Statistik überrepräsentiert seien, weil sie überwiegend in jenen sozial schwachen Regionen unserer Städte leben, wo die Miete noch erschwinglich, die Kriminalitätsrate jedoch hoch ist. Nicht die Nationalität entscheidet über kriminelle Neigungen, sondern die Lebensumstände.

Und von noch einer Tatsache sollten wir alle wissen: In den Medien werden bei Berichten über Straftaten die Herkunftsländer der Täter viel häufiger genannt, wenn es sich nicht um Deutsche handelt. Das Fernsehen tut das in rund 95 Prozent aller Fälle, die Zeitungen in etwa 90 Prozent. Tatsächlich sind aber nur in rund einem Drittel aller Fälle Ausländer die Täter, in zwei Dritteln Deutsche. Auf diese Weise setzt sich in unseren Köpfen ein Bild vom „kriminellen Ausländer“ fest, das nicht der Realität entspricht. Die Fachleute sind sich einig, dass Kriminalität kaum mit der Herkunft der Täter zusammenhängt, sondern vor allem mit Risikofaktoren wie Armut, Perspektivlosigkeit und eigenen Gewalterfahrungen.

Es ist also durchaus richtig, in bestimmten Gegenden vor allem von Städten aufmerksam zu sein, aufmerksamer als in „besseren“ Stadtteilen, aber wenn Gefahren drohen, dann von den fremd aussehenden Männern nicht mehr als von deutschen. Wachsamkeit ist immer sinnvoll, aber Angst macht blind und ist zudem ein schlechter Ratgeber. Informiert sein und ein wenig Nachdenken, das hilft weitaus besser. Wir sollten die Möglichkeiten nutzen, die uns unser Gehirn bietet und uns ab und zu Gedanken machen.


Foto: Bild von Vilius Kukanauskas auf Pixabay

 

Atempausen gegen den Stress

Eine Rezension von Detlef Träbert

Ob in Kitas oder in Grundschulen – der alltägliche Stress hat über die letzten Jahre hinweg stetig zugenommen und ein mittlerweile nicht mehr leicht zu ertragendes Niveau erreicht. Da kommt eine „Achtsame Atempause“ *) gerade recht, ob für Kita-Erzieher*innen oder Lehrer*innen in der Grundschule. Die 30 Übungen für den Einsatz bei chaotischen Wirbelwinden von vier bis zehn Jahren können Kinder im Laufe etwa eines viertel Jahres tatsächlich positiv beeinflussen. Weiterlesen

Schule für heute und morgen

Rezension von Detlef Träbert

Haben Sie auch den Eindruck, die Anforderungen an den Lehrerberuf hätten sich in den letzten 10, 20 Jahren weit mehr gewandelt als die Schule? Wissensbestände veralten immer rascher und die „Halbwertszeit des Wissens“ beträgt in manchen technisch-naturwissenschaftlichen Bereichen nur noch zwei Jahre. Was macht das mit Schule? Wird sie damit immer unwichtiger und wertloser? Dr. phil. Stefan Braun, Lehrer für Sek I und II sowie Schulentwicklungsbegleiter und Autor, hat zu diesem Themenkomplex ein schlankes Essay vorgelegt, dessen Lektüre sich absolut lohnt. Sein „Plädoyer für eine Schule der Möglichkeiten“, so der Untertitel, beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle Schule in heutiger und künftiger Zeit noch spielen kann – angesichts von immer rasanterem Fortschritt, der Möglichkeiten von KI und der wachsenden Unklarheit darüber, welche Schlüsselqualifikationen heutige Kinder für die Bewältigung der Zukunft brauchen werden. … weiter

 

Zu Gast auf Erden

von Detlef Träbert

Bild: ©Detlef Träbert

Vielleicht ist die Advents- und Weihnachtszeit eine gute Gelegenheit, mal wieder über diese Tatsache nachzudenken. Mal wieder, denn schon Laotse hat sie vor rund 2.500 Jahren im „Tao Te King“ dargestellt und seither schrieben und schreiben unendlich viele weitere Weise und Philosophen aller Kulturen darüber: Wir Menschen sind nur Gast auf Erden.

Wenn ich von Freunden zu einem gemütlichen Abendessen eingeladen werde, bin ich Gast bei ihnen. Ich betrete ihre Wohnung und richte mich nach ihren Gewohnheiten. Vielleicht ist es angemessen, die Straßen- gegen Hausschuhe zu wechseln, vielleicht auch nicht. Ich bin so zurückhaltend, wie ihre Art es vorgibt, und so offensiv, wie sie gestimmt sind. Ich schaue mich um und entdecke Bilder und Deko-Artikel, die mir vielleicht mehr oder weniger gefallen – es ist ja nicht mein Zuhause, sondern das Ihre, in dem sie sich wohlfühlen wollen. Worte der Anerkennung dazu sind auf jeden Fall willkommen. … weiter

 


Alle Texte von Detlef Träbert im GEW-Magazin

Ein Bilderbuch gegen Mobbing

Rezension: Detlef Träbert

Dass es unter Schulkindern Gewalthandlungen gibt, ist ein altbekanntes Phänomen – verkloppt haben sich Kinder schon immer. Aber Mobbing ist subtiler: Es kann verbal in Form von Beschimpfungen und Beleidigungen erfolgen, aber auch körperlich mit Schubsen oder Schlägen. Es kann als Ausgrenzung stattfinden und auch online als Cybermobbing. Darüber klärt ein neues Werk aus der Reihe „Psychologische Kinderbücher“ des hogrefe-Verlags auf. … weiter

Die Gedanken kreisen lassen

Ein Essay von Detlef Träbert

Meine Gedanken drehen sich gerade um den nächsten Winterurlaub“, sagte kürzlich ein Bekannter zu mir. „Ich weiß noch nicht, ob ich zum Skilaufen in die Alpen oder in die Pyreäen fahren soll.“

„Was mag sich denn da drehen?“, fragte ich mich im Stillen. Die Grundsatzentscheidung für eine Reise ist doch längst gefallen. Ob dieses oder jenes Ziel, das ist ja keine grundsätzliche Frage mehr, sondern nur noch die nach einer Alternativentscheidung. Aber in der Alltagssprache formulieren wir häufig sehr ungenau. Das liegt daran, dass wir heutzutage auch sehr ungenau und oberflächlich denken, selbst wenn wir einen grundsätzlichen Entschluss fassen wollen. … weiter


Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

 

Ein Buch für Eltern von Goldköpfen

Rezension: Detlef Träbert

„Ein Kopf voll Gold“ – klingt das nicht wundervoll? Auf jeden Fall viel schöner als „neurodivergente Kinder“, und um die geht es in diesem aktuellen Buch von Saskia Niechzial. Warum solch ein Titel, der auch über einem Märchen stehen könnte?

Weil ein Ratgeberbuch hilfreicher ist, wenn es positive Impulse setzt anstatt Probleme zu betonen. „Was neurodivergente Kinder brauchen und wie wir sie stärken können“ ist der konkreter klingende Untertitel. Es geht um Hilfestellungen für Kinder mit Legasthenie, Dyskalkulie, ADHS, Hochbegabung, Autismus, Tourette-Syndrom, Dyspraxie, Downsyndrom und einigen störenden Problemen mehr. … weiter

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