18. Oktober 2020 · Kommentare deaktiviert für Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 13: Vom Schlafen im Kanonenrohr und der Normalisierung des Grauens · Kategorien: Meinungen und Kommentare · Tags: , , , , , , , , , , , , , , ,

 

Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 13

Vom Schlafen im Kanonenrohr und der Normalisierung des Grauens

„Zu der Bettlerin, die zudringlich wurde,
sagt die Besitzerin des Restaurants, und
sie zeigt dabei auf die Langusten essenden Gäste:
‚Versetzen Sie sich doch in die Lage dieser Herrschaften.‘“
(Albert Camus)

In Hamburg hat am 4. Oktober, also fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Anschlag von Halle, ein 29-jähriger Mann vor einer Synagoge mit einem Klappspaten auf einen jüdischen Studenten eingeschlagen. Das Opfer erlitt erhebliche Kopfverletzungen. Der Täter ist ein sogenannter Deutschrusse, trug eine Bundeswehruniform und führte in der Hosentasche ein selbst gemaltes Hakenkreuz mit sich. Ich vermute, dass der Mann nicht nur den Klappspaten und die Uniform, sondern auch seine politische Prägung von der Bundeswehr bezogen hat.

Wieder wurde der Mann flugs zum Einzeltäter erklärt, nach seiner psychischen Störung wird noch gefahndet. Insgesamt schien mir das mediale Echo gering. Es muss offenbar jemand zu Tode kommen, damit die Empörungsmaschinerie anspringt. Die von Herbert Marcuse zu Zeiten des Vietnamkriegs beobachtete „Normalisierung des Grauens“ ist auch im Feld des Antisemitismus zu beobachten. Wir gewöhnen uns daran, dass in unserem Land wieder Juden attackiert werden. … weiter

Clipart oben links von OpenClipart-Vectors auf Pixabay
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15. April 2020 · Kommentare deaktiviert für Götz Eisenbergs Corona-Tagebuch 17: Gelistete Ostereier · Kategorien: Meinungen und Kommentare · Tags: , , , , ,

TagebuchGötz Eisenbergs Corona-Tagebuch 17

Gelistete Ostereier

Als ich gestern auf einer Wanderung ein hart gekochtes Ei aufschlug und aß, musste ich daran denken, wie Ostern in meinem Elternhaus begangen wurde. Wir lebten in einem Einfamilienhaus in einem Kasseler Vorort. Das Haus lag inmitten eines großen Gartens, der geteilt war in ein Gemüse- und einen Obstgarten. Während meine Stiefmutter den Gottesdienst ihrer Freikirche besuchte und meine Brüder und ich in den Kindergottesdienst der örtlichen Kirchengemeinde geschickt wurden, versteckte mein atheistischer Vater die in der Woche zuvor gefärbten Eier.

Nach dem gemeinsamen Frühstück wurde die Suche eröffnet. Wir Kinder schwärmten aus und wurden auch bald fündig. Die entdeckten Eier mussten bei den Eltern abgeliefert werden und wurden in einem Korb gesammelt. Jedem Kind stand eine bestimmten Anzahl zu, unabhängig davon, wie viele Eier jeder von uns gefunden hatte. Mein Vater war ein solcher Meister im Verstecken, dass es jedes Mal eine gewisse Quote von Eiern gab, die nicht gefunden wurden. Oder erst im Laufe des Jahres, bei der Erdbeerernte oder beim Umgraben. … weiter

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Bild von Gerd Altmann auf Pixabay


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14. April 2020 · Kommentare deaktiviert für Götz Eisenbergs Corona-Tagebuch 16: Ostern ohne Familienfeste · Kategorien: Meinungen und Kommentare · Tags: , , , , , , , , ,

Tagebuch

 

Götz Eisenbergs Corona-Tagebuch 16

Ostern ohne Familienfeste

Das Wort Familienbande hat
einen Beigeschmack von Wahrheit“
(Karl Kraus)

In einem Commerzsender im Radio höre ich Klagen darüber, dass man keine Biergärten und Clubs aufsuchen und nicht die üblichen Flugreisen unternehmen dürfe. Mal eben so übers Wochenende nach Barcelona oder Athen oder London fliegen. „Spaß zu haben“ scheint für eine gewisse Szene der Inbegriff von Freiheit zu sein. Der Freiheitsbegriff erschöpft sich im Ausleben privater Vergnügungen. Insgesamt bekommt man den Eindruck, dass die Leute sich nach ihren üblichen „Zerstreuungen“ im Sinne Pascals (siehe Teil 4) sehnen und in den „Normalmodus“ zurückkehren möchten. Wie hieß es in einem Song der Gruppe Fehlfarben aus den frühen 1980er Jahren: „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran!“ Immer weiter so, mit Spaß und Konsum und Mobilität – gut gelaunt und leicht bedröhnt auf den Abgrund zu. … weiter

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