Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 5

Celebro, ergo sum

„Es gibt ein Recht auf Party“
(Eine Barfrau aus Ischgl)

Seit gestern bin ich in einem Dorf am nordhessischen Edersee und wohne in einer kleinen Familien-Pension. Das Dorf liegt abseits der Straßen auf einer Anhöhe und hat etwa 150 Einwohner. Vor circa fünfzehn Jahren war ich zum ersten Mal hier. Ein Gefangener hatte per anonymen Schreiben mitgeteilt, dass ein anderer Gefangener mir nach dem Leben trachte, und man hatte mir nahegelegt, zum Zeitpunkt von dessen Haftentlassung mal für eine Weile zu verschwinden. Inzwischen war ich viele Male hier und gehöre zur Familie, wie man so sagt.

Schon am ersten Abend wurde mir klar, was vor allem ich hier suche und finde: Stille. Als ich gegen 22 Uhr noch einmal auf den Balkon hinaustrat, hörte ich die Rufe eines Käuzchens aus dem nahen Wald, sonst nichts. Ich ging früh zu Bett und schlief mit zwei Pinkelunterbrechungen bis fast 10 Uhr am nächsten Vormittag. Wann habe ich zum letzten Mal so lange und gut geschlafen? Und vor allem ohne Ohrstöpsel. … weiter

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Götz Eisenbergs Durchhalteprosa 2

Leben im Universum des Lärms

„Menschen sind wir, Menschen!
Schlecht und gut! Gut und schlecht!
Nichts anderes als Menschen.“
(Joseph Roth)

Ein im Rollstuhl sitzender Bettler rollt auf einen Mann zu, der an einem Stehtisch vor einer Bäckerei einen Kaffee trinkt. Ob er ein bisschen Kleingeld oder Zigaretten für ihn habe. Der Mann sieht zu ihm hin und sagte: „Meine Frau gibt dir immer etwas, Das is sone kleine Blonde, die sieht dich oft und gibt dir jedes Mal etwas.“ „Is gut, grüß sie schön und vielen Dank auch“, sagt der Bettler und rollt weiter. Ich höre ihn vor sich hinbrubbeln: „Ich glaub dem kein Wort, dem alten Geizkragen. Der hat wahrscheinlich gar keine Frau.“

Ein paar Meter weiter hat jemand mit schwarzem Filzstift auf die Rückseite eines der letzten Briefkästen geschrieben: Unsere Realität macht krank.

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